pc-or-no-pc

Es ist eine wunderliche Sache mit der Political Correctness (PC). Was immer sie auch sei, für außenstehende Betrachter_innen, die den Terminus hier und dort aufschnappen mögen, muss dem ganzen oft ein unabkömmlich fauler Beigeschmack eigen sein. Woran liegt es, dass diese ominöse Politische Korrektheit eine solch schlechte Lobby hat?

Aus rein etymologischer Sicht lässt sich nicht erkennen, was einem derart beschädigten Image ein Fundament geboten haben könnte. Unser Duden vermerkt dazu übrigens, bei der Political Correctness handle es sich um die

“Einstellung, die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird.”

Diskriminierung ist doof, das klingt doch also gar nicht so schlecht. Zumal spätestens seit John Austins Sprechakttheorie das Theorem im Raum steht, dass Sprache Handeln bedeutet. Genauso wichtig: Sprache ist kein starres Gebilde, sondern vielmehr mit einem Flusslauf zu vergleichen, in dessen Wogen man sich kein zweites Mal auf dieselbe Weise stürzen kann. Austin: “Ordinary language is not the last word: in principle it can everywhere be supplemented and improved upon and superseded.”1 Es ist also durchaus angebracht, darüber nachzudenken, auf welche Art Sprache a) konstruiert wird, b) sich selbst konstruiert und c) Realität konstituiert. Diese sprachphilosophischen Betrachtungen haben im 20. Jahrhundert ein gewaltiges Forschungsdesiderat offengelegt, dem sich große Namen wie Wittgenstein, Searle und Butler zeit ihres Lebens gewidmet haben (und dies weiterhin tun). Darüber soll andernorts gerne ausführlicher gesprochen werden, hier möchte ich von zwei Prämissen ausgehen. Erstens ist Sprache irgendwie wandlungsfähig, zweitens prägt sie auf irgendeine Weise ihre Sprecher_innen und Rezipient_innen.

Alexander Staudacher vom Freitag, einem durch und durch linken Blatt, sieht die Politische Korrektheit seinerseits kritisch, in dem Sinn, dass sie erklärte Ziele nicht erreiche und stattdessen ungewünschte Effekte mit sich führe:

“Wer politische Korrektheit propagiert, will natürlich in der Regel beides: Einhaltung dieser Regeln und Beseitigung der genannten Diskriminierungen. Fragt sich nur, warum dann bei all den himmelschreienden Ungerechtigkeiten Forderungen nach politischer Korrektheit soviel Raum einnehmen. Ist es wirklich vordringlich, Süßigkeiten umzubenennen[?]”

Hauptargument ist also, dass bei einer Fokussierung auf den Diskurs statt auf die eigentlichen Triebfedern struktureller Diskriminierung, man Gefahr liefe, der Ungerechtigkeit lediglich ein sauberes Hemd überzustülpen, die Probleme also nicht an der Wurzel zu packen. Letztlich haben wir es Staudacher zufolge mit einer Hierarchisierung von Problemstellungen zu tun, bei welcher die PC medial zu sehr in den Fokus gerückt sei. Auch glaubt er, dass die Implementierung einer politisch korrekten Sprech- und Schreibweise eine Art Trostpflaster darstelle, mit dem sich (linke) Moralist_innen beschäftigten, um nicht dem Gefühl zu erliegen, im Kampf für eine bessere Welt nahezu ausnahmslos Niederlagen hinnehmen zu müssen.

Interessante Sichtweise. Doch müssen einige Dinge vorerst voneinander getrennt gedacht werden: Die Intention der Verwender_innen “politisch korrekter” Grammatik auf der einen, die mediale (und gerade auch politische) Schlammschlacht zwischen den Lagern auf der anderen Seite. Wer (wie der Verfasser dieses Blogs) etwa eine Schreibweise übernimmt, die via Unterstrich zwischen maskuliner und femininer Deklination einen morphologischen Bereich freigibt, der sinnbildlich (und in diesem Fall daher doch auch wörtlich!?) für all jene Geschlechteridentitäten stehen soll, deren Berücksichtigung bisher semantisch zu kurz gekommen ist, handelt nicht kompensatorisch für den eigenen Weltschmerz. Es geht darum, Diskurse im Allgemeinen zu sensibilisieren und ihre Macht über die Menschen, die sie selbstständig produzieren und reproduzieren, deutlich zu machen. Es geht auch um Genauigkeit. Weiter schreibt Staudacher:

Häufig dient die „richtige“ Wortwahl ja auch als Erkennungszeichen unter ideal Gleichgesinnten (man erkennt sich daran, dass man „Geflüchtete“ sagt und nicht „Flüchtlinge“). Um die Herausforderungen zu meistern, die der weltweit grassierende Rechtspopulismus stellt, wird es jedoch nötig sein, mit vielen Leuten zu kooperieren, denen solche semantischen Feinunterscheidungen (wenn sie denn überhaupt gut begründet sind) wenig einleuchten.

Es erscheint mir keinesfalls so, dass ideal Gleichgesinnte ausschließlich in den selben Codes sprechen müssen, vielmehr zeigt mir die Erfahrung, dass beispielsweise ältere Menschen, die aktive Solidarität in der Unterstützung von Asylsuchenden zeigen, etwa an der Modifizierung des Wortes “Flüchtlinge” hin zu dem Wort “Geflüchtete” oftmals überhaupt kein Interesse zeigen. Das gilt natürlich auch für viele jüngere Menschen, die sich engagieren. Macht sie das zu schlechteren Helfer_innen? Auf keinen Fall! Wer nicht möchte, nicht versteht, Einwände hat, die teils sehr richtig sein mögen, … – zieht eben nicht mit. Und das ist in Ordnung. Jemanden also von “Geflüchteten” sprechen zu hören (was wiederum ebenfalls bedenklich sein könnte, impliziert es doch, dass die Leiden der Flucht mit dem ersten Fuß auf deutschem Boden der Vergangenheit angehörten – psychologisch wie ethisch müsste man quasi eigentlich von Flüchtenden sprechen), kann weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung dafür sein, zu entscheiden, ob jemand “Freund oder Feind” ist. Und es ist auch kein Drama, jemanden vermehrt geschlechterfaire Sprache benutzen zu hören, wenn man selbst lieber geschlechtsneutrale Formulierungen benutzen oder eben gar nicht gendern möchte. Wichtig ist, dass wir das Dogma loswerden. Und das ist ein politisch-medial kreiertes. Politisch, da es sich hervorragend für das so beliebte Parteien-Bashing instrumentalisieren lässt. Und weil die Kritik an der Political Correctness, die Verballhornung eines Vorschlags zum diskriminierungsfreien Diskurs als “Tyrannei”, “Hexenjagd” und dergleichen, der neuen Rechte gehörig in die Karten spielt. Eines fällt nämlich auf an der ganzen Debatte:

Es existiert eine dubiose Unverhältnismäßigkeit von Forderungen und Durchsetzungen politischer Korrektheit im Gegensatz zu einer sintflutartigen Welle der Empörung, auf der links wie rechts reiten. So schreibt Christian Staas in der ZEIT:

“Die genderneutrale Sprache etwa, ein Lieblingsthema aller Political-Correctness-Hasser, ist kaum irgendwo verwirklicht. Keine überregionale Tageszeitung hält sich an einen der vielen in den vergangenen Jahrzehnten entwickelten Vorschläge. Erinnert sich noch jemand an das große Binnen-I? Es ruhe in Frieden. Und den Unterstrich zwischen Männlein und Weiblein, der einen Freiraum schaffen soll für die Transgender-Gemeinde, finden geneigte Leser_innen höchstens in Beilagen der taz.”

Oder auf KliffEdgar. Aber einmal ehrlich: Es scheint zwar in bildungsnahen Kreisen durchaus präsenter zu sein, im Grunde hat Staas aber recht. Wir leben nicht gerade in einer Anstandsdiktatur. Wie auch, wenn politisch korrekt lediglich paraphrasiert, was Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes über Diskriminierung sagt (wie gern in seinem gelungenen Artikel nachgelesen werden darf). Wie kann es also geschehen, dass ein Bestreben zum sprachlichen Abbau von Stigmatisierung, Ausgrenzung und dergleichen, derartig backfired? Es muss damit zusammenhängen, dass die Propagierung von PC in ihrer Quantität im Grunde kein weltverbesserischer Vorschlag progressiver Bürger_innen bleibt, sondern in erster Linie ein “Taschenspielertrick” (Staas) des Establishments geworden ist. “Er [der Begriff der PC] unterstellt Liberalen Dogmatismus, “entlarvt” emanzipatorische Anstrengungen als diktatorische Zwangsmaßnahmen, diffamiert Kritik an bestehenden Machtverhältnissen als Zensurforderung, erklärt marginalisierte Minderheiten zu Unterdrückern der Mehrheit und desavouiert das Korrekte als das wahrhaft Falsche.” Uns wird der Mund verboten, oder, anders ausgedrückt: “das wird man ja wohl noch sagen dürfen!”. Dabei erscheint es nicht verwunderlich, bei welchen Gruppierungen die Kritik an PC besonders hoch im Kurs steht: als sich langsam herauskristallisierte, aus welchen Menschen sich das AfD-Wählertum bzw. die PEGIDA-Bewegung zusammensetzt, fand auch der Grundtenor der PC-Schelte einen Hafen. (siehe Patzelt 2015, bzgl. der annähernden Deckungsgleichheit zwischen AfDlern und Pegidianern)

Das Problem mit der Political Correctness ist dann aber doch komplexer, als dass es einfach als ein reines Problem der Rechten abgetan werden könnte. Unter ihren Kritiker_innen  finden sich genauso auch führende Linksintellektuelle wie etwa der slowenische Philosoph Slavoj Žižek. Wobei die Vorwürfe hier in eine gänzlich andere Richtung weisen und einer Grundlogik marxistischer Kapitalismuskritik folgen. Wenn nämlich der Diskurs über den Diskurs (und hier greifen auch Staudachers Thesen wieder) von dem fundamentaleren Problem eines neoliberalen Kapitalismus, der sich mit liberalen Werten des Mulitkulturalismus zu schmücken weiß, ablenkt, ist am Ende nichts gewonnen. Dann stehen wir da mit einem verprellten Wutbürgertum, das sich an allen Ecken und Enden bevormundet fühlt und einer angepassten Linken, die sich im Klein-Klein zu verlieren droht. Also muss letztlich in einem Punkt dem Journalisten des Freitags durchaus zugestimmt werden: es mag sicher stimmen, dass eine menschenwürdigere Sprachanwendung und ein exakteres Verhältnis des Signifikanten zum Signifikat, zur Problematisierung beitragen können, indem sie erst für Irritation sorgen und letztlich zur Adaption neuer (gerechterer) Konzepte beitragen. Letzteres geschieht allerdings nur, wenn gleichzeitig und unmittelbar gegen bestehende Stereotype, Rassismen, Sexismen usw. vorgegangen wird – in aktiven politischen Prozessen und auf der Straße. Also schließe ich mit Staudacher:

“Wer hier etwas ändern will, muss also nicht [nur] an die Worte ran, sondern an die Vorurteile selber.”

Weitere Literatur:

1       Austin, John: Philosophical Papers. Oxford: University Press 1979, S. 185.

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