Sven ist Tauchlehrer auf Lanzarote. Naja, eigentlich ist er Jurist, doch Deutschland, das „Kriegsgebiet“, kann ihm gestohlen bleiben, und damit auch seine Vergangenheit dort. Er „hält sich raus“ von nun an, aus allen deutschen Angelegenheiten, aus menschlichen Verirrungen, aus der Liebe. Für alles, was in seiner eigenen Tauchschule an Bürokkrams und anderweitigen Angelegenheiten anfällt, hat Sven Antje. Antje ist nicht wirklich seine Freundin, vielmehr ein lieb gewonnenes Anhängsel aus Kindheitstagen, die einfach mitfuhr, als Sven seinem Leben einen grundsätzlich neuen Anstrich gab.„Nur zerstörte Seelen lachen, wenn man sie schlägt.“Jola und Theo führen eine äußerst bedenkliche Beziehung. Er, blockierter Schriftsteller, Typ: „In der Presse wurde mir eine große Karriere prophezeit“, trinkt gerne einmal einen über den Durst, prügelt gelegentlich und nimmt an Körperlichkeit von Jola, was ihm gerade zusagt. Sie, ein kleines Sternchen aus einer deutschen TV-Soap, will sich auf der Insel auf die Rolle ihres Lebens vorbereiten, benötigt dafür Tauchstunden und ist bereit, 14.000 € dafür zu zahlen, dass Sven in zwei Wochen keine anderen Kunden betreut und auch sonst den Alleinunterhalter des Ehepaares spielt. Dem Leser wird es unter den Nägeln brennen, zu erfahren, wie eine solch starke Frau einen Mann wie Theo nur aushalten kann, emotional wie monetär, und für wahr: diese zwischenmenschlichen Konturen sind wohlplatziert, starr, wenn sie es sein müssen, zerfließend, wenn nötig. Juli Zeh gelingt es, plastische Figuren aus dem Boden zu stampfen, wenngleich sie mit Theo das Rad nicht unbedingt neu erfindet. Die beiden, Theo und Jola, sind in ihrer geballten Feindseligkeit ein interessantes Paar, ein mörderisches obendrein, das den responsablen Sven zur Weißglut bringt, wenn es unter Wasser einander die Schläuche sabotiert oder sich gegenseitig von den Felsen der vulkanischen Insellandschaft stoßen will.Sven, der die Unkompliziertheit seines Lebens genießt wie die Urlauber das Wetter auf Lanzarote, der unter Wasser ein anderer Mensch ist, weil niemand ihn torpediert, einnehmen oder über ihn verfügen kann, verliebt sich in Jola – trotz all der Ärgernisse. In ihre Schauspielerinnen-Aura, ihre äußere Kälte, unter der er so viel Warmes vermutet – und geriet in einen Strudel, der gefährlicher nicht sein könnte. Wie nahe sich beide kommen, ob sie es, an seinen VW-Van gelehnt, miteinander treiben oder nicht, all dies bleibt dabei im Dunkel. Der Ich-Erzähler liefert den Lesenden seine Seite der Geschichte – aus vereinzelten Tagebucheinträgen Jolas bekommen wir hingegen eine andere Ereigniskette zu Gesicht. Es stehen zwei parallele Wahrheiten miteinander im Streit. Als diese Ereignisse sich düster und bedrohlich über Svens Kopf zusammen zu brauen drohen, bleibt einem ob all der Ungewissheit zeitweilig die Spucke weg.Dieser Roman ist ein packender, er ist pageturner im klassichen Sinne, zumindest, bis das Schauspiel durchschaut wird. Unvorhersehbar bis zu einem gewissen Punkte vielleicht, der dem intendierten Plottwist einen Schritt zuvorkommt und gegen Ende hin etwas kaputt macht. Auch der Titel ist in diesem Sinne zwar nicht zwangsläufig falsch gewählt, hat gewissermaßen seine Berechtigung, da er treffsicher ist, allerdings lässt er schon vermuten, an welcher Stelle der Geschichte es dem Ich-Erzähler zu heiß werden könnte. Dies ist der einzige sinnige Punkt, der dem Verriss aus der TAZ (Jörg Magenau) zu entnehmen ist.Nichtsdestotrotz gelingt Zeh ein solider Unterhaltungsroman, der eine Dreiecksbeziehung schildert, mit Ecken, so spitz wie Nachbar’s Lumpi (oder Theo nach seinen bitteren Alkoholexzessen). Und dennoch: er wird nicht ihr bester sein. Übrigens: Wer Lust hat, schaut sich dazu Bernard Studlars Bühnenfassung im Bonner Theater an, die dort sei Frühjahr letzten Jahres aufgeführt wird.

 

Juli Zeh: „Nullzeit“. Schöffling & Co,Frankfurt am Main 2012,256 Seiten, 19,95 Euro.

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