Sven ist Tauchlehrer auf Lanzarote. Naja, eigentlich ist er Jurist, doch Deutschland, das „Kriegsgebiet“, kann ihm gestohlen bleiben, und damit auch seine Vergangenheit dort. Er „hält sich raus“ von nun an, aus allen deutschen Angelegenheiten, aus menschlichen Verirrungen, aus der Liebe. Für alles, was in seiner eigenen Tauchschule an Bürokkrams und anderweitigen Angelegenheiten anfällt, hat Sven Antje. Antje ist nicht wirklich seine Freundin, vielmehr ein lieb gewonnenes Anhängsel aus Kindheitstagen, die einfach mitfuhr, als Sven seinem Leben einen grundsätzlich neuen Anstrich gab.

unnamed (1)„Nur zerstörte Seelen lachen, wenn man sie schlägt.“

Jola und Theo führen eine äußerst bedenkliche Beziehung. Er, blockierter Schriftsteller, Typ: „In der Presse wurde mir eine große Karriere prophezeit“, trinkt gerne einmal einen über den Durst, prügelt gelegentlich und nimmt an Körperlichkeit von Jola, was ihm gerade zusagt. Sie, ein kleines Sternchen aus einer deutschen TV-Soap, will sich auf der Insel auf die Rolle ihres Lebens vorbereiten, benötigt dafür Tauchstunden und ist bereit, 14.000 € dafür zu zahlen, dass Sven in zwei Wochen keine anderen Kunden betreut und auch sonst den Alleinunterhalter des Ehepaares spielt. Dem Leser wird es unter den Nägeln brennen, zu erfahren, wie eine solch starke Frau einen Mann wie Theo nur aushalten kann, emotional wie monetär, und für wahr: diese zwischenmenschlichen Konturen sind wohlplatziert, starr, wenn sie es sein müssen, zerfließend, wenn nötig. Juli Zeh gelingt es, plastische Figuren aus dem Boden zu stampfen, wenngleich sie mit Theo das Rad nicht unbedingt neu erfindet. Die beiden, Theo und Jola, sind in ihrer geballten Feindseligkeit ein interessantes Paar, ein mörderisches obendrein, das den responsablen Sven zur Weißglut bringt, wenn es unter Wasser einander die Schläuche sabotiert oder sich gegenseitig von den Felsen der vulkanischen Insellandschaft stoßen will.

Sven, der die Unkompliziertheit seines Lebens genießt wie die Urlauber das Wetter auf Lanzarote, der unter Wasser ein anderer Mensch ist, weil niemand ihn torpediert, einnehmen oder über ihn verfügen kann, verliebt sich in Jola – trotz all der Ärgernisse. In ihre Schauspielerinnen-Aura, ihre äußere Kälte, unter der er so viel Warmes vermutet – und geriet in einen Strudel, der gefährlicher nicht sein könnte. Wie nahe sich beide kommen, ob sie es, an seinen VW-Van gelehnt, miteinander treiben oder nicht, all dies bleibt dabei im Dunkel. Der Ich-Erzähler liefert den Lesenden seine Seite der Geschichte – aus vereinzelten Tagebucheinträgen Jolas bekommen wir hingegen eine andere Ereigniskette zu Gesicht. Es stehen zwei parallele Wahrheiten miteinander im Streit. Als diese Ereignisse sich düster und bedrohlich über Svens Kopf zusammen zu brauen drohen, bleibt einem ob all der Ungewissheit zeitweilig die Spucke weg.

Dieser Roman ist ein packender, er ist pageturner im klassichen Sinne, zumindest, bis das Schauspiel durchschaut wird. Unvorhersehbar bis zu einem gewissen Punkte vielleicht, der dem intendierten Plottwist einen Schritt zuvorkommt und gegen Ende hin etwas kaputt macht. Auch der Titel ist in diesem Sinne zwar nicht zwangsläufig falsch gewählt, hat gewissermaßen seine Berechtigung, da er treffsicher ist, allerdings lässt er schon vermuten, an welcher Stelle der Geschichte es dem Ich-Erzähler zu heiß werden könnte. Dies ist der einzige sinnige Punkt, der dem Verriss aus der TAZ (Jörg Magenau) zu entnehmen ist.

Nichtsdestotrotz gelingt Zeh ein solider Unterhaltungsroman, der eine Dreiecksbeziehung schildert, mit Ecken, so spitz wie Nachbar’s Lumpi (oder Theo nach seinen bitteren Alkoholexzessen). Und dennoch: er wird nicht ihr bester sein.

Übrigens: Wer Lust hat, schaut sich dazu Bernard Studlars Bühnenfassung im Bonner Theater an, die dort sei Frühjahr letzten Jahres aufgeführt wird.

Juli Zeh: „Nullzeit“. 

Schöffling & Co,

Frankfurt am Main 2012,

256 Seiten, 19,95 Euro.

In erster Instanz: Politikverdrossenheit! Islamophobie? Not so much!

Das Jahr 2015 hat mit „Unterwerfung“ (Originaltitel: Soumission) seinen ersten „Skandaltitel“ vorzuweisen. Und wieder ist das Timing Michel Houellebecq’s gewissermaßen bemerkenswert. Als 2001 der Roman „Plattform“ auf dem Büchermarkt erschien, waren die drei Ziffern 9-1-1 noch exklusiv mit dem US-amerikanischen Notruf assoziert. Kurze Zeit nach Veröffentlichung des Buches, in dem der Protagonist  Michel (!) nach der Ermordung seines Vaters durch einen Muslimen selbst Opfer eines radikal-islamistischen Terroraktes wird, fielen im New York des wirklichen Lebens die Twin Towers eben einem solchen Höllenakt zum Opfer. In dieseunnamedm Jahr, wie vermutlich in der Zukunft, markiert der  7. Januar den Anschlag auf die Redaktion des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo – und eben auch den Tag der Veröffentlichung des heiß diskutierten neuen Romans eines der in Frankreich derzeit bedeutendsten Autoren.

Im Frankreich des Jahres 2022 stehen Neuwahlen an. Hollande ist am Ende, so auch die französische Wirtschaft; Houellebecq wird in seinen Schilderungen der Politlandschaft mit Seitenhieben in Richtung aller politischen Lager nicht sparen. Knapp fünf Millionen muslimische Mitbürger zählt die Republik heute, bei im Schnitt höheren Geburtenraten zeichnet Houellebecq eine breite Basis und Wählerschaft in 2022, die Muslimbruderschaft errechnet sich echte Chancen, die Mehrheit zu erlangen – und tut dies! In der Stichwahl, nachdem die französische Linke frühzeitig ausgeschieden ist, schließen sich sozialistische und bürgerliche Stimmen der Muslimbruderschaft an, um einen Wahlsieg der Rechtsextremisten zu vereiteln.

Inmitten dieser Entwicklungen hat Protagonist François nicht allzuviel übrig für die Politik. Als lediger Literaturprofessor geht es ihm um die Materie, und die Materie allein – vorzüglich Joris-Karl Huysmans, dem er einst seine Dissertation widmete – und vielleicht geht es ihm mit diesem Leben auch nicht sonderlich gut, denn er versucht es mit aller Regelmäßigkeit in Alkohol oder zwischen den Beinen einer studentischen Affäre zu ertränken. Ein Ich-Erzähler, der uns bei Houellebeqc wenig überraschen dürfte.

Es ist schwierig, bei der Lektüre von Unterwerfung die aktuelle Debatte um dieses Werk, um Islamisierung und Meinungsfreiheit nicht zwischen die Zeilen zu projizieren. Dabei dürfte der ein oder andere Lesende Gefahr laufen, die wunderbar lakonische Ausdrucksweise Houellebecqs, seinen gelungenen Stil und Sprachwitz, der meinerseits allerdings nur aus der deutschen Übersetzung nachvollzogen werden konnte, zu übersehen. Bereits Karte und Gebiet (2010) zeichnete sich aus durch eine Klarheit, in der die karge Gefühlswelt eines einsamen Künstlers auf dem Weg zum Ruhm verschriftlicht wird.

Was zuletzt die hitzigen Resonanzen anbelangt: Michel Houellebecq ist ein gerissener Autor, jemand, der auf Pressekonverenzen und in Interviews immer wieder aufreizt, kippenbewaffnet und schlagfertig. In der Frankfurter Rundschau gewährt er Einblick in seine eigene politische Gesinnung, die schwer zu fassen scheint, und welche er vielsagend mit den Worten umschreibt: „Ich habe kein Vertrauen, dass mich andere Menschen langfristig gut im Parlament vertreten.“ Auf eine Art beklagt er die Politikverdrossenheit französischer Wähler, auf eine andere zweifelt der Literat an der Demokratie per se. Einen Fehler begehen diejenigen Rezipienten und Rezensenten, die – wie in zahlreichen Foren und Kommentbereichen zu lesen – glauben, es handle sich bei den Schilderungen François‘ um eine ähnliche Entwicklung, wovor Pegida in Deutschland warnt. Der Gegner dieser literarfiktiven Muslimbrüderschaft ist der Front National, der bekanntlich auf „patriotisch“ macht, das Attribut „europäisch“ am liebsten aber aus dem Wörterbuch gestrichen sähe. Ob dem Autor Islamophobie zu unterstellen sei, darüber lässt sich ebenso streiten: „Aber wenn Sie genauer hinsehen, war immer eine antiislamische Provokation der Auslöser: eine geschändete Moschee, eine Frau, die man unter Drohungen zwingt, ihre Nikab auszuziehen“, werden andeutungsweise die „Verbindungen“ des Front National für die aufkeimenden Gewaltszenen auf den Straßen der Hauptstadt veranwortlich gemacht.

Was im Frankreich des Jahres 2022 geschieht, ist der Triumph einer Religion, die aus Houellebeqc’s Sicht nicht besser oder schlechter ist als jede andere; es ist der Verfall hochgepriesener moralischer Werte, wenn ein Universitätsprofessor nach dem anderen nach der Privatisierung und Islamisierung des Bildungswesens die reizende Bezahlung der Saudis entgegen nimmt. Wenn zwar Miniröcke – zum großen Kummer des chauvinistischen Protagonisten – aus dem Straßenbild Paris‘ verbannt werden, Hurendienste und minderjährige Ehefrauen ohne das Recht zu Mucken allerdings weiter große Zelebrierung erfahren. Huysmans (hier dürfte sich ob der abertausenden intertextuellen Verweise ein Blick lohnen) zog es nach einem hedonistischen Leben ins katholische Kloster. Ob die Verlockungen der neuen französischen Gesellschaftsordnung François zum Konvertiten machen, bleibt beim Lesen von Unterwerfung zu erfahren. Der Blick lohnt!

WIN_20150119_151007Was bitte gibt es noch über Bukowski zu sagen? Oder auch vielmehr: was in aller Welt sollte einen Leser, der schon über vier oder fünf seiner Bücher gestolpert ist,  noch dazu verleiten, abermals mehr zu einem seiner Titel zu greifen? Eigentlich erzählt Bukowski immerzu das gleiche: mal detaillierter, mal grauer und unschärfer. Mal wird der Alkoholgenuss exzessiver, mal die pornographischen Inhalte härter und einseitiger, der kräftige Sprachregler vordergründiger bedient. Aber im Grunde lässt es sich auf die Geschichte eines schmutzigen, alten Mannes herunterbrechen, die Geschichten eines Mannes, der unsagbar auf lange Frauenbeine steht und seinem täglichen Piece of ass entgegen strebt. Dieser kriegt trotz Agnevernarbtheit und Pflegelton (oder gerade deswegen?) prinzipiell alle Frauen, während er täglich an der Flasche genauso wie an der Poesie und dem angestrebten Leben eines Schriftstellers scheiert. Als Stadtbekannter Tagelöhner fristet er sein Dasein, gerät in ein Schlammassel nach dem anderen, um am Ende doch immer der lachende, fickende, koksschnaufende, zechende und betrügende Henry Chinaski zu sein.

Factotum – in der Chronologie drei Jahre vor Women (1978), an welches es wohl heranreicht, und zwei, vier und sechs Jahre nach South of no North (1973), Post Office (1971) und Notes of a dirty old man (1969), welche doch noch eine Spur besser waren – nimmt allerdings wie kaum ein anderes seiner mir bekannten Werke das täglich Brot des trinkfesten Nihilisten ins Visier. Er stolpert von Engagements (mehr oder minder) bei Fahrradhändlern in eine Beschäftigung als Hausmeister, mal wird er beauftragt, eine Oper zu schreiben, deren Komponist dann allerdings das Zeitliche segnet. Er ist gewissermaßen das Mädchen für alles, eben ein Faktotum. Die Erzählungen spielen während und kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, wenngleich die ein oder andere zeitliche Ungereimtheit auszumachen ist: so schreibt „Hank“ wöchentlich drei bis fünft Kurzgeschichten, die er allesamt an sein Lieblingsmagazin Black Sparrow und dessen Gründer John Martin sendet. Die Gründung dieses kalifornischen Verlags geht allerdings lediglich auf das Jahr 1966 zurück. Ein Fingerzeig gewissermaßen, die Figur Henry Chinaski nicht unter jeden Umständen – wie es gerne getan wird – mit ihrem Schöpfer Charles Bukowski gleichzusetzen.

Fazit? Unterhaltsame Lektüre über den Kampf „Mann gegen die Welt“, oder besser: Chinaski gegen jeden, der etwas dagegen hat. An dieser Stelle sei abschließend darauf hingewiesen, dass es factotum auch zur Verfilmung gebracht hat. Die norwegisch-amerikanische Produktion unter der Leitung Bent Hamers erschien 2005, über zehn Jahre nach Bukowskis Ableben. Trotz der relativen Kürze des Romans (163 Seiten) wird hier und da etwas unter den Teppich gekehrt, die ein oder andere Bekanntschaft Chinaskis von der Bettkante gestoßen, wohingegen im Roman die Ereignisse häufiger eine ausschweifendere Wendung nehmen…

bayer coverXaver Bayer – Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich

Mit einer gewissen Verspätung setzte der Hype um das im letzten Herbst veröffentlichte Buch „Geheimsnisvolles Knistern aus dem Zauberreich“ ein. Die großen, einschlägigen Rezensionen in Online-, Print- und Hörfunk-Form, die, ab Dezember etwa, die Verkaufszahlen mit Sicherheit in die Höhe schnellen ließen, beglücken und überschütten den Wiener Autor Xaver Bayer mit Lobhudelei und etwas überzogener Affirmation. Dabei ist dieses „Buch“, wie Bayer es ausdrücklich nennen möchte – ein Band unzähliger ein- bis dreiseitiger Prosaminiaturen – bei allem positiven, was es darüber zu sagen gibt, nicht unbedingt ein „schillerndes Werk“ (WDR), „sprachlich ein Juwel“ gar (ebendieser) oder „brilliant“, wie es die ZEIT fasst.

Ohne einen offensichtlichen, stringenten Handlungsfaden zu verfolgen, „erzählen“ diese Miniaturen dennoch: vom Leben, vom Überdruss, von der Magie des für die allermeisten nicht zu erahnenden, nicht zu ergreifenden Moments, der sich verschanzt zwischen jenen unliebsamen Momenten der Monotonie, der Banalität der Existenz. Es sind über einhundert trockene Plaudereien, surreal anmutende Untergangszenarien, amüsante, kleinere aphoristische Fingerzeige, darauf, wie – betrachtet aus dem richtigen Winkel – dieses seltsame Zauberreich von Welt ins Knistern geraten kann.

Dabei kann man sich nicht ganz entscheiden: ist einem dieser überforderte, niedergeschlagene, allzeitverfolgte Ich-Erzähler eigentlich sympathisch, erweckt er unser Mitleid, oder ekelt er den Leser nicht vielmehr von einer Episode zur nächsten? Zu Beginn sieht sich ebendieser Leser einem Flaneur des Fin de Siècle gegenübergestellt, einem schlendernden Beobachter, der die Geschehnisse auf den Straßen Wiens in wilden Gedankenmontagen, sprunghaften Assoziationsmarathons erleuchtet und verdammt, ähnlich einem Pariser Malte Laurids Brigge gut einhundert Jahre zuvor. Trennende Wände, heruntergekommene und verlassene Häuser, Einkaufspassagen mit schillernden Schaufensterdekorationen, mit Kränkelnden überfüllte Wartezimmer im Hospital – all diese Dinge gibt es noch immer, hinzu gesellen sich vielleicht noch einige Smartphonesen, ansonsten alles beim Alten. Oder nicht?

Schnell entrückt sich dieses anfängliche Trugbild. Bayer führt uns, mal sprachlich glänzend („[…]und dem Metrum der Wellen lauschte, die sich der Insel nähern, aufdrängen, überschlagen und in einer Verbeugung wie vor einer Majestät wieder zurückziehen, um dann aufs Neue den sanften Angriff zu wagen.“), mal überladen mit Heißluft-Vergleichen („Mitten darin der Kreis einer zerplatzten Blase wie der Krater vom Einschlag eines Meteoriten. Er sieht mich an wie das Auge Gottes, das dem eines toten Tieres ähnelt, wenn kein Lichtstrahl es trifft“) oder absehbare humoristische Intentionen verfehlend („Beides erscheint mir unwichtig und banal, trivial und nicht der Rede wert, einfach unnötig“), durch den Alltag eines „beautiful mind“, eines nahezu autistisch anmutenden Schriftstellers. Es gelingt ihm ausgezeichnet gut, das Kleine, Unscheinbare, das Triviale und deshalb so häufig für unsere Augen Unsichtbare mit der schieren Ahnung eines großen, allumzäunenden Zusammenhangs zu paaren. Zwar lässt es diese Fitzelchensammlung von „Buch“ vermissen, eine ansprechende Geschichte auch nur anzudeuten, aber dies muss nicht heißen, dass Leser mit einem Hang zur Melancholie keine weichen Knien bekommen können, wenn es ums Surreale, ums traumartig Groteske geht, was in einigen von Bayers Miniaturen ausgesprochen gut gelingt. Erwartet habe ich von diesem Buch nicht mehr oder weniger als jenes, was der überzuckerte, kitschige Titel mir versprach. Bekommen habe ich eine handvoll Geschichten, über die das Nachdenken lohnt, ohne Frage interessanten Stoff. Mit eingeschränkter Empfehlung verweise ich also auf die baldige Taschenbuchausgabe, für’s Berieseln- und Beplätschernlassen würde sich aber eigentlich auch ganz gut ein Hörbuch eignen, was es meines Wissens allerdings ebenso wenig gibt.

 

Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall schafft es erneut ein DDR-Roman, spezieller: ein Wenderoman auf die große Bühne der deutschen Literaturlandschaft und gewinnt im letzten Herbst den Deutschen Buchpreis. Für den selbst aus Ostdeutschland stammenden Lutz Seiler, der sich bis dato mit der Lyrik einen großen Namen gemacht hat (Gewinner des Bachmann-Preises), ist es ein überaus gelungenes Debüt.

Dieses erzählt die Geschichte eines jungen Germanistikstudenten, der, gebeutelt vom Verlust seiner Freundin und dem Überdruss des Lebens, den Hut nimmt und aufbricht – in Richtung Hiddensee. Suizidalen Tendenzen entrinnend, doch ebenso ohne konkrete Fluchtgedanken, beschließt Edgar Bendler, genannt Ed, im Sommer des verheißungsvollen Jahres 1989, auf Hiddensee anzuheuern, oder vielmehr: er stolpert einfach so hinein. Hinein in den Klausner, eine urige Gaststätte voller „Schiffbrüchiger“, sozial Gestrandeter, so wie er selbst, wo er als Abwäscher und Heizer Zugang zu einem neuen Lebensgefühl erlangt. Hinein auch in die Arme des titelgebenden „Kruso“ – Alexander Krusowitsch, ein konspiratives Gemüt mit literarischen Ambitionen, der in einer nicht ohne homoerotische Nuancen gefärbten Freundschaft Ed unter seine Fittiche nimmt. Ähnlich wie es bei Defoe über 250 Jahre zuvor zwischen Robinson und Freitag geschah.

Die eigentliche Robinsonade im Inneren Eds ist jedoch nicht die Insel, von der es kein Entkommen gibt, ist nicht die DDR mit ihren Gängeleien und Malträtierungen – in ihm tobt die Sehnsucht nach einer anderen, reineren Art der Freiheit, jene innere, die nicht an Staatsgrenzen und Zollschranken gebunden sein kann. Davon träumt ein jeder in dieser Gaststätte der Hoffnungslosen, der Poeten und Aussteiger, die nächtens gerne einen über den Durst trinken und sich mit Versen von Trakl die Ohren salben. Die politische Freiheit, soviel sei gesagt, soviel steht in den Geschichtsbüchern, erreicht Hiddensee im darauffolgenden Herbst ’89 ganz gewiss. Wie es mit der geistigen, der emotionalen, der freundschaftlichen aussieht, das bleibe an dieser Stelle einmal unausgesprochen.

Auf knapp 500 Seiten vermag es Seiler, eine ansprechende Atmosphäre zu teils großartiger Poesie zu verdichten. Seine lyrische Grundprägung zu verbergen wäre auch weder möglich noch sinnig. Er selbst fasste es so: „Man hat diese verschiedenen Leben, das Gedichtleben und das Romanleben. Und das ist sehr schön, denn man kann zwischen diesen Leben in Abständen hin und her gehen. 

Aus keinem sonderlich großen Hin-und-Her setzten sich nach der Vergabe des Buchpreises die Reaktionen in Print-und Onlinemedien zusammen. Auch ich schließe mich dem durchweg positiven Tenor gerne an: „Kruso“ ist, wenn vielleicht zwischenzeitlich auf kurzer Strecke zu detailversessen, ein großer Roman, der in seiner Abenteuerlichkeit Werte aufzeigt, auf denen der große Wunsch nach Freiheit thront. Kunstvoll geschrieben, voller subtilem Humor und teils gewaltiger Intertextualität. Dieser Roman beschert einen guten Start ins neue Jahr.

Sind dies schöne Sätze?

Später sind wir bei ihren Eltern eingeladen, wird es Fondue geben.“

Nach dem Essen vergrößert der Wirt unsere Gläser, bekommen wir die doppelte Menge Schnaps.“

„Dann ist Frühling, sitzen wir in unserem Garten.“

Ja! Nein! Vielleicht! Irgendwie, würde Judith Hermann sagen, aber um die geht es an dieser Stelle nicht. Geschmäcker sind für’n Bäcker, das ist wahr. Dem einen mögen diese ausgefallenen Sätze zusagen, anderen stößt es etwas sauer auf. Ich habe kein Problem mit ihnen, im Gegenteil, sie verleihen dem neuen und ersten Roman von Fabian Hischmann, Am Ende schmeißen wir mit Gold, eine appetitliche Irritation, wo von Zeit zu Zeit auch mal Langeweile herrschen kann. Doch beginnen wir von vorne, mit der Handlung:

Maximilian Flieger ist ein bald 30-jähriger Junglehrer in Bremen, doch so recht sagt ihm sein Beruf nicht zu. Er liegt zu Hause vor dem Fernseher, eine Tierdoku glotzend, das schlaffe Glied knetend, als sein Vater ihn in den heimatlichen Schwarzwald zurück bestellt, er möge doch bitte den Hund sitten, solange Mama und Papa im Griechenlandurlaub weilen.

In der Kindheitsidylle angekommen, stellen sich Max ungeahnte Komplikationen in den Weg, ans genüssliche Dahinvegetieren auf dem elterlichen Sofa ist erst einmal nicht zu denken. Nur wenige Autominuten entfernt wohnen Maria und Jan in einer Art autarken Hippie-Gemeinschaft. In Kindheitstagen noch tobende, um „goldene“ Tannenzapfen wetteifernde Spielfreunde, fällt ein Wiedersehen nun schwer. Max weiß nicht, ob er Jan umbringen oder begatten möchte, ein homoerotischer Traum stiftet soetwas wie spätpubertäre Verwirrung. Ins nostalgische VW-Golf-Fahren, Kasettenhören und Stockbrotgrillen über knisterndem Lagerfeuer mischt sich etwas für Max existentiell Bedrohliches hinein. Als der schwule Valentin, sein bester Freund aus Bremen, zu Besuch kommt, wird dem Protagonisten ein Geständnis entlockt, das wie aus der Pistole geschossen kommt: Peng! Max hütet ein Geheimnis, das ihn noch jetzt verfolgt, traumatisiert. Einst wurde er in New York City Zeuge eines Gewaltverbrechens, vor dem er floh, statt zu helfen. Seit dem begleitet ihn der unbekannte Täter, den er Patrick tauft, auf Schritt und Tritt, als Max‘ ganz persönliches Hirngespinst.

Dieses loszuwerden scheint zunächst kaum Thema, doch als Mama und Papa auf Kreta ums Leben kommen, startet für Max eine reinkarnatiöse Reise. Dabei tänzelt ein alter Kindheitstraum wieder heran, die längst verstaubte Filmkamera, denn einmal, wie wir in kaum mehr als einem Nebensatz erfahren, wollte er Tierfilmer werden. Mit dem Objektiv im Anschlag führt das verspätete Erwachsenwerden ihn zunächst zum Ort der Trägödie, die Eltern wollen überführt werden. Und dann weiter nach New York, wo es eine alte Rechnung zu begleichen gilt.

Hischmann, immerhin mit seinem Roman für den Leipziger Buchpreis nominiert, darf vor den teils groben Urteilen in Schutz genommen werden. Klar, die Kritik Margarete Stokowskis in der TAZ, die sich über die teils wunderliche Syntax auslässt, darf man annehmen oder verwischen, womit wir wieder am Anfang dieser Rezension wären.

Anders gearteter Kritik im deutschen Feuilleton, wie etwa von Marie Schmidt, muss ich aber vehementer entgegentreten: Nein, es handelt sich bei Am Ende schmeißen wir mit Gold nicht um die Geschichte einer „multiplen Persönlichkeitsstörung“, auch nicht wenn an einer Stelle Fightclub erwähnt und zitiert wird. Was Rezensentin Schmidt in der Zeit wohl übersieht, ist dass Max sich zu jedem Zeitpunkt seiner Positivsymptomatik bewusst ist, gerade am Rad zu drehen. Patrick ist, wie es mir scheint, vielmehr die Verkörperung einer Schuld, die die Ausmaße einer verpassten Gelegenheit zu heroischer Zivilcourage noch übersteigt. Nein, Grund zur Halluzination ist das noch nicht. Denn auch als Max seinen „Fehler“ wieder gut macht, indem er New York ein zweites Mal besucht und mit vorgehaltener Waffe stellvertretend einen gewalttätigen Zuhälter vermöbelt, verschwindet sein Schatten nicht. Hier liegt etwas im Argen mit Mäxchen, und deshalb brechen sich über den gesamten Handlungsverlauf ausschweifende Gewaltphantasien und selbstverletzendes Verhalten bahn. Max ist bi, womöglich schwul, und sieht es kaum. Inmitten dieser existentiell so fordernden Gefühlswelten findet er bis zuletzt keine Lösung. Mit ihm zu einer solchen zu gelangen, bleibt dem Leser nicht vergönnt. So schlägt er sich durch dieses Buch und bleibt dabei, auch wenn hier und dort noch eine Überraschung locken soll, doch deprimiert und allein gelassen.

Rezension: „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann

Judith Hermann veröffentlicht im Jahr 2014 ihren ersten Roman. Während ihr mit Sommerhaus,
später 1998 ein Erzählband-Debüt gelang, das von der Presse teils überschwänglich gefeiert wurde,
bedient „Aller Liebe Anfang“ wohl eher das untere Ende der Fahnenstange. Es folgt in der
Frankfurter Allgemeine im August ein übler Verriss, unterzeichnet von Edo Reents: „Hermann hat
zwei Probleme: Sie kann nicht schreiben, und sie hat nichts zu sagen“. Aus Sicht der ZEIT für
etwas drastisch befunden, schließt man sich im Grunde aber doch an. Es bliebe bei der Lektüre des
Romans nichts als „seelisches Flachland“ und zuletzt steht die unbeantwortete Frage im Raum:
„Kann sie wirklich nicht schreiben?“.
Doch zunächst: worum geht es in Aller Liebe Anfang überhaupt? Es ist eine Stalking-Geschichte,
aber wohl nicht nur. Stella (ambulante Krankenpflegerin), Jason (wohl eine Art romantischer
Bauhandwerker, der es nur an Wochenenden nach Hause schafft) und die vierjährige Ava sind eine
junge, kleine Familie am Rande einer namen- und trostlosen Stadt. Die Handlung verortet man
mental bereits nach wenigen Seiten in ein King’sches Horror-Maine, die angelsächsische
Schreibweise von Namen (Clara) oder gänzlich englische Fehlgriffe („Mister Pfister“) lassen
eigentlich keinen anderen Verdacht zu. Es hat den Anschein, als spekuliere Hermann (oder die
Verleger_innen) hier hinter jeder Seite auf eine erfolgreiche Übersetzung ins Englische. Das Setting jedenfalls ist dort schon
angekommen – ob die weiteren Auflagen hinterher ziehen werden ist, in meinen Augen, mehr als
fraglich.

Doch zurück zum Plot: Zum Problem wird dieses Leben eines Tages erst, als Mister Pfister, wie sich ein
mysteriöser Mann aus der Nachbarschaft später zu erkennen gibt, an Stellas Gartenpforte klingelt
und um ein Gespräch bittet. Zwar verheimlicht Stella ihrem Mann nicht, dass dieser junge Herr, der
auf sie durchaus attraktiv wirkt, bei ihr geklingelt hat, trotz deutlicher Abfuhren auch weiterhin bei
ihr klingelt, täglich, und Briefe, Fotos und Mixtapes im Briefkasten hinterlässt. Doch zur aktiven
Unternehmung gegen diese Belästigung scheinen weder sie selbst noch Jason veranlasst.

Es ist ein Raum von Passivität, den Hermann hier zeichnet. Den Leser macht dies im besten Fall stutzig, im
wahrscheinlichsten stößt es ihm aber säuerlich auf. Ähnlich die Figurengestaltung: So wird Stella
zwar als eine fleißige Leserin beschrieben (und daher natürlich als interessanter und tiefgründiger
als für bloßes Pflegepersonal anzunehmen wäre), doch kann dies das Unverständnis, das ihre
Handlungen erzeugt, nicht im Geringsten auffangen. Hinzu gesellen sich ausufernd langweilige
Raumbeschreibungen, die so wirken, als hätte Hermann ein IKEA-Seminar zum szenischen
Schreiben besucht. Auf diese Weise lässt sich jedoch mühelos in die detailreich geschilderte Küche
die Protagonistin der Geschichte verfrachten, deren stoisches Abspülen (obwohl eine
Geschirrmaschine vorhanden) einen nicht unerheblichen Teil der Handlung ausmacht. Weitere
Figuren, etwa Stellas Pflegebedürftige, sind alle „irgendwo-schon-mal-gesehen“. Die verrückte Alte
beispielsweise, die zynisch und verbittert, kurz vorm Ableben doch noch einige Lebensweisheiten
zusammen mit dem Hochprozentigen in der Kommode verschanzt hat und in der gesamten Welt
einzig Stellalein positiv gesinnt ist. Jason bleibt stereotyper Handwerkerbursch‘: wortkarg,
verwegen, und am Ende zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um den Stalker krankenhausreif zu
prügeln, dessen Motive ohnehin im Dunkeln bleiben. Ava, die Tochter der beiden, bleibt ein für die
Geschichte uninteressantes, eindimensionales Wesen, dass dann und wann am Genrebruch kratzt,
wenn sie im Garten mit imaginären Freunden spricht oder vom gruseligen Kindergartengefährten
Stevie (wieder ein englischer Name), dessen Existenz man zwischenzeitlich zu Bezweifeln neigt.

Natürlich ist das Stalking-Sujet lediglich die äußerste Schale der Geschichte, jene einer
malträtierten Seele, die – wie wohl so viele Opfer – erst dann die Polizei einschaltet, als die Sache
zu eskalieren droht. Allerdings scheint diese Zwiebel schnell geschält. Auf der einzigen Metaebene
verweist der äußerliche Voyeurismus Mister Pfisters auf eine Lebenspartnerschaft, mit der Stella
wohl doch nicht so ganz glücklich ist. Da klingelt mir jemand täglich an der Tür, schmeichelt mir
sogar ein wenig. Und mein Mann? Kommt erst am Wochenende nach Hause, wie so oft. Ein Leben,
das sich Stella so nicht vorgestellt hatte, damals beim Träumen, in der gemeinsamen Wohnung mit
ihrer besten Freundin Clara, mit der heute nur noch übers Telefon Kontakt gehalten wird.
Wirklich spannend ist das über weite Strecken des Romans mitnichten, der gewollt
lakonischen Sprache wird man rasch überdrüssig. Auch erfindet Hermann das Rad irgendwie nicht
neu; Stimmung, Setting, Angstzustände, Gespräche usw. wirken Genres mit schnellerem Fahrwasser
entlehnt und zweckentfremdend verlangsamt. Wenn in einigen wenigen Minuten dann allerdings
doch einmal Fahrt aufkommt, ist Hermann verlässlich genug, dafür zu sorgen, dass die Handbremse
schleunigst wieder angezogen wird. Etwa wenn Herr Stalker, der bei allem Mysterium noch immer
handzahm wirkte, sich plötzlich in Avas Kindergarten herumtreibt, dies aber außerhalb ihrer
Sandkasten-Monologe niemanden erreicht, also keinerlei Konsequenzen hat. So wirkt auch der
finale Showdown recht unbeholfen und wenig inspiriert, der Roman letztlich wie eines verzweifelt
gesuchten Überraschungsmomentes beraubt.

Was Reents an Hermanns Romandebüt auszusetzen hat, kann ich nachvollziehen, auf welche Weise
er dies tut, wirkt allerdings auch auf mich befremdlich. Wirklich gelungen mag „Aller Liebe
Anfang“ nicht sein, für tot gehört die Autorin deshalb aber noch lange nicht erklärt.